XIX. Die Inneren Zustände (12-13)


aus dem Buch „Der Innere Blick“

Nun solltest du eine ausreichende Wahrnehmung der inneren Zustände haben, in denen du dich im Laufe deines Lebens wiederfinden kannst, die dir aber vor allem in deiner Entwicklungsarbeit begegnen. Ich kann sie nicht anders als durch Bilder (in diesem Fall Allegorien) beschreiben. Es scheint mir, dass diese die Fähigkeit haben, komplexe Gemütszustände „anschaulich“ zu verdichten. Andererseits bringt die Eigentümlichkeit, solche Zustände so zu verketten, als seien sie verschiedene Momente ein und desselben Prozesses, eine Variante in die immer bruchstückhaften Beschreibungen, an die uns diejenigen gewöhnt haben, die sich mit diesen Dingen beschäftigen.

1. Der erste Zustand, in dem die Sinn-Leere vorherrscht (die wir zu Beginn dieser Schrift erwähnt haben), wird „diffuser Lebenstrieb“ genannt. Alles richtet sich nach den körperlichen Bedürfnissen, die aber häufig mit Wünschen und widersprüchlichen Bildern verwechselt werden. Dort liegen die Beweggründe und alles, was getan wird, im Dunkeln. In diesem Zustand vegetiert man zwischen wechselnden Formen verloren dahin. Von hier aus kann man sich nur auf zwei Wegen weiter entwickeln: dem Weg des Todes oder dem der Mutation.

2. Der Weg des Todes führt dich in die Gegenwart einer dunklen und chaotischen Landschaft. Die alten Völker kannten diesen Durchgang, und fast immer verlegten sie ihn „unter die Erde“ oder in abgründige Tiefen. Manche besuchten dieses Reich auch, um später auf lichtvollen Ebenen wieder „aufzuerstehen“. Verstehe gut, dass „unterhalb“ des Todes der diffuse Lebenstrieb herrscht. Der menschliche Geist bringt wohl die Auflösung durch den Tod mit späteren Umwandlungserscheinungen in Zusammenhang, und vielleicht verbindet er auch die diffuse Bewegung mit der Phase vor der Geburt. Wenn du die Richtung des Aufstiegs verfolgst, bedeutet der „Tod“ für dich einen Bruch mit deinem früheren Zustand. Auf dem Weg des Todes steigt man zu einem anderen Zustand auf.

3. Erreicht man ihn, gelangt man zur Bleibe des Rückschritts. Von hier öffnen sich zwei Wege: der Weg der Reue und jener andere, der zum Aufstieg gedient hat, das heißt der Weg des Todes. Wenn du den ersten nimmst, dann, weil deine Entscheidung dazu neigt, mit deinem vergangenen Leben zu brechen. Wenn du auf dem Weg des Todes zurückkehrst, fällst du mit der Empfindung eines geschlossenen Kreises in die Abgründe zurück.

4. Nun gut, ich habe dir gesagt, dass es noch einen anderen Pfad gäbe, dem abgründigen Lebenstrieb zu entfliehen, nämlich den Weg der Mutation. Wenn du diesen Weg wählst, möchtest du aus deinem leidvollen Zustand herauskommen, bist jedoch nicht bereit, einige seiner scheinbaren Vorteile aufzugeben. Dies ist folglich ein falscher Weg, bekannt als der „Pfad zur linken Hand". Viele Ungeheuer sind aus den Tiefen dieses gewundenen Ganges hervorgekommen. Sie wollten den Himmel im Sturm nehmen, ohne die Hölle aufzugeben, und haben deshalb unendlichen Widerspruch in die dazwischen liegende Welt gebracht.

5. Ich nehme an, dass du durch den Aufstieg vom Reich des Todes und durch bewusste Reue schon in der Wohnstätte der Neigung angelangt bist. Zwei dünne Träger stützen deine Wohnstätte, das Bewahren und das Scheitern. Das Bewahren ist falsch und unbeständig. Wenn du diesen Weg gehst, täuschst du dich mit der Illusion der Beständigkeit, aber in Wirklichkeit fällst du rasch hinab. Wenn du den Weg des Scheiterns nimmst, wird dein Aufstieg zwar mühevoll, aber der einzig-nicht-falsche sein.

6. Von Fehlschlag zu Fehlschlag kannst du zur nächsten Raststätte gelangen, die „Wohnstätte der Abzweigung“ heißt. Achte auf die zwei Wege, die du jetzt vor dir hast. Entweder du nimmst den Weg der Entschlossenheit, der dich zur Erzeugung führt, oder du nimmst den Weg des Ressentiments, der dich aufs Neue zum Rückschritt hinabsteigen lässt. Hier bist du vor folgendes Dilemma gestellt: Entweder du entscheidest dich für das Labyrinth des bewussten Lebens (und tust es mit Entschlossenheit), oder du kehrst voller Ressentiment zu deinem früheren Leben zurück. Zahlreich sind diejenigen, denen es nicht gelungen ist, sich zu überwinden, und die sich hier ihre Möglichkeiten abschneiden.

7. Aber du, der du mit Entschlossenheit aufgestiegen bist, erreichst nun die Herberge, die als „Erzeugung“ bekannt ist. Hier hast du drei Türen: Eine heißt „Sturz“, die andere „Versuch“ und die dritte „Abwertung“. Der Sturz trägt dich geradewegs in die Tiefen, und nur ein äußeres Unglück kann dich in diese Richtung hinabstoßen. Diese Tür wirst du kaum wählen. Diejenige der Abwertung dagegen führt dich indirekt in die Abgründe, indem sie dich die Wege auf einer Art wirbelnder Spirale zurückführt, in der du ununterbrochen überlegst, was du alles verloren und was du alles geopfert hast. Diese Gewissensprüfung, die zur Abwertung führt, ist aber gewiss eine falsche Prüfung, in der du einige Dinge, die du vergleichst, unterschätzt und so in ein Missverhältnis bringst. Du vergleichst die Anstrengungen des Aufstiegs mit den „Vorteilen“, die du aufgegeben hast. Aber wenn du näher hinschaust, wirst du erkennen, dass du nichts deswegen aufgegeben hast – die Beweggründe waren andere. Die Abwertung beginnt also dann, wenn man die Beweggründe verfälscht, die mit dem Aufstieg anscheinend nichts zu tun hatten. Ich frage jetzt: Wodurch wird der Geist verraten? Vielleicht durch die falschen Beweggründe der anfänglichen Begeisterung? Vielleicht durch die Schwierigkeit des Unterfangens? Vielleicht durch die falsche Erinnerung an Opfer, die es nicht gab oder die aus anderen Gründen gebracht wurden? Ich spreche jetzt zu dir und frage dich: Dein Haus stand schon lange in Flammen. Deshalb hattest du dich für den Aufstieg entschieden. Oder denkst du jetzt, dass dein Haus durch den Aufstieg in Flammen aufging? Hast du vielleicht einmal geschaut, was mit den umliegenden Häusern geschah? … Es gibt keinen Zweifel, du musst die mittlere Tür wählen.

8. Steige die Sprossen des Versuchs empor, und du wirst zu einer instabilen Kuppel gelangen. Bewege dich von hier aus durch einen engen und gewundenen Gang fort, den du als „Unbeständigkeit” erkennen wirst, bis du zu einem weiten und leeren Raum (wie eine Plattform) gelangst, der den Namen „offener-Raum-der-Energie“ trägt.

9. Es kann sein, dass du in diesem Raum vor der öden und unermesslichen Landschaft und vor der angsteinflößenden Stille dieser von riesigen, unbeweglichen Sternen verklärten Nacht erschrickst. Hier, genau über deinem Haupt, wirst du ans Firmament geheftet die einschmeichelnde Form des Schwarzen Mondes erblicken... eines seltsamen, verfinsterten Mondes, der der Sonne genau gegenüber steht. Hier musst du auf den Tagesanbruch warten, in Geduld und Glauben, denn nichts Schlimmes kann geschehen, wenn du ruhig bleibst.

10. Es könnte sein, dass du dir in dieser Situation einen schnellen Ausweg verschaffen möchtest. Wenn das geschieht, wirst du dich aufs Geratewohl auf den Weg zu irgendeinem Ort begeben, anstatt klugerweise auf den Tag zu warten. Du musst dich erinnern, dass hier (in der Dunkelheit) jede Bewegung falsch ist und allgemein „Improvisation“ genannt wird. Wenn du vergisst, was ich dir jetzt sage, und Bewegungen zu improvisieren beginnst, sei sicher, dass du von einem Wirbelwind über alle Pfade und Stätten zurück in die finsterste Tiefe der Auflösung geschleudert wirst.

11. Wie schwer ist es zu verstehen, dass die inneren Zustände miteinander verkettet sind! Wenn du sehen würdest, welch unbeugsame Logik das Bewusstsein hat, würdest du erkennen, dass wer in einer Situation wie der beschriebenen blind improvisiert, verhängnisvollerweise beginnt, abzuwerten – auch sich selbst. Dann tauchen Gefühle von Frustration in ihm auf, und er verfällt bald dem Ressentiment und dem Tod, bis alles, was er an manchen Tagen wahrnehmen konnte, schließlich dem Vergessen anheim fällt.

12. Wenn es dir gelingt, an dem weiten Platz den Tag zu erleben, wird die strahlende Sonne vor deinen Augen aufgehen und dir die Wirklichkeit zum ersten Mal erhellen. Dann wirst du erkennen, dass in allem Existierenden ein Plan lebt.

13. Von hier wirst du kaum herabfallen, es sei denn, du möchtest freiwillig in dunklere Bereiche hinabsteigen, um das Licht in die Finsternis zu tragen.

Es führt zu nichts, diese Themen weiter zu entwickeln, denn ohne die entsprechenden Erfahrungen führen sie in die Irre und verlagern das Machbare in den Bereich des Vorgestellten. Möge das bis hierher Gesagte nützen. Wenn dir diese Erklärungen nicht nützlich erscheinen, was könntest du dagegen einwenden, gibt es doch für den Skeptizismus – der dem Bild in einem Spiegel, dem Klang eines Echos, dem Schatten eines Schattens gleicht – kein Fundament und keinen Grund.


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