Das Ressentiment


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Erläuterungen

Die Erfahrung zielt darauf ab, einen Zustand der Versöhnung mit jener Person zu erreichen, mit der ich auf negative Weise verbunden bin. Erreicht man dieses Ziel, so kann die gleiche Technik dazu dienen, Versöhnungen auch bei weniger wichtigen Beziehungen zu erreichen. Jeder Feind und jedes Ressentiment in meinem Inneren schränkt mich in der Gegenwart ein und behindert meine Zukunft. So gesehen, haben die Arbeiten der Versöhnung mit der Vergangenheit eine große Bedeutung für die persönliche Entwicklung und die Leistungsfähigkeit im täglichen Leben.


Geleitete Erfahrung

Es ist Nacht. Ich befinde mich in einer alten Stadt, die von unzähligen Kanälen durchzogen wird, die unter Straßenbrücken verlaufen. Vom Brückengeländer aus schaue ich auf die langsame Bewegung einer fließenden, trüben Masse. Trotz des Nebels kann ich Leute auf einer anderen Brücke sehen. Ich höre leise Musikinstrumente, die die traurig falschsingenden Stimmen begleiten. Ferne Glockenschläge erreichen mich wie sanfte Jammerwellen.

Die Leute sind fort. Die Glocken schlagen nicht mehr.

Schwach leuchten die phosphorfarbenen Lichter einer engen Gasse.

Ich gehe meinen Weg und dringe in den Nebel ein. Nachdem ich durch Gassen und über Brücken gegangen bin, komme ich auf ein offenes Gelände. Es ist ein anscheinend leerer, rechteckiger Platz. Über das Pflaster des Platzes gehe ich bis zu seinem Ende, das mit ruhigem Wasser bedeckt ist.

Ein Schiff, das wie eine Wasserkutsche aussieht, wartet auf mich. Zuvor muss ich mich aber durch zwei lange Reihen von Frauen hindurchschlängeln, die Trauerkleider und Fackeln tragen und zu mir im Chor sagen:

“Oh Tod! Deine grenzenlose Herrschaft
Erreicht die Lebendigen überall.
Von Dir abhängig sind unsere Tage.
Dein ewiger Schlaf vernichtet die Völker,
Da niemand Deinem Angriff widerstehen kann.
In Dir allein ist das erlösende Urteil.
Keine Kunst widersteht deinem Zorn.”

Beim Einsteigen hilft mir der Schiffsjunge, der nachher hinter mir stehen bleibt. Ich mache es mir auf einem breiten Sitz bequem. Ich bemerke, dass die Fähre sich nun leicht vom Wasser abhebt. Wir bewegen uns über offenes und ruhiges Meer, wie auf einem endlosen Spiegel, der den Mond reflektiert.

Wir laufen eine Insel an. Im nächtlichen Licht sehe ich eine lange Zypressenallee. Die Fähre setzt wieder aufs Wasser auf und schaukelt ein bisschen. Ich gehe an Land, während der Schiffsführer reglos auf der gleichen Stelle stehen bleibt.

Ich gehe geradeaus unter den Bäumen, die im Winde rauschen. Ich spüre, dass ich beobachtet werde. Ich habe das Gefühl, dass irgendjemand oder irgendetwas sich weiter vorne versteckt. Ich bleibe stehen. Hinter einem Baum ruft mich ein Schatten mit langsamem Winken. Ich wende mich ihm zu, und als ich fast bei ihm bin, schlägt mir ein schwerer Atem, ein Hauch des Todes, ins Gesicht.

Der Schatten erklärt, er sei jene Person, gegen die ich den tiefsten Groll hege. (*)

Und als könne er meine Gedanken lesen, fügt er hinzu: “Es spielt keine Rolle, ob derjenige, mit dem du durch den Groll verbunden bist, gestorben oder noch am Leben ist; denn das Reich der dunklen Erinnerung kennt keine Grenzen.”

Dann fügt er hinzu: “ ... Ebenso belanglos ist es, ob der Hass und die Rachsucht seit deiner Kindheit oder seit gestern dein Herz zerfressen, denn für uns vergeht die Zeit nicht. Deshalb lauern wir, um als alle möglichen Ängste aufzutauchen, wann immer sich die Gelegenheit bietet. Und diese Ängste sind die Vergeltung für das Gift, welches wir immer wieder kosten müssen.”

Während ich ihn frage, was ich tun soll, beleuchtet ein Mondstrahl schwach seinen von einem Umhang bedeckten Kopf. Und dann sehe ich das Gesicht des Schattens. An ihm erkenne ich die Gesichtszüge dessen, der die tiefste meiner Wunden verursacht hat. (*)

Ich sage ihm Dinge, die ich sonst niemandem sagen würde. Ich rede mit der größten Offenheit und Ehrlichkeit, deren ich fähig bin. (*)

Er bittet mich, das Problem nochmals zu betrachten und ihm alle Einzelheiten ohne Einschränkung zu erklären, auch wenn meine Ausdrücke beleidigend sein sollten. Er besteht darauf, alles bis zum letzten Ressentiment zu hören, sonst müsse er für immer gefangen sein. Also folge ich seinen Anweisungen. (*)

Gleich danach zeigt er mir eine starke Kette, mit der er an die Zypresse gefesselt ist. Ohne weiter zu überlegen, gehe ich los und sprenge sie mit einem heftigen Ruck. Dadurch fällt der Umhang leer zu Boden und bleibt da liegen, während die Silhouette der Gestalt sich in der Luft auflöst und die Stimme in die Höhe aufsteigt, wobei sie Worte wiederholt, die ich von früher her kannte: “Ich sage dir jetzt Lebewohl! Der Leuchtkäfer zeigt an, dass die Morgendämmerung naht, und sein verschwommener Glanz beginnt zu verblassen. Ade! Ade! Ade! Gedenke meiner!”

Da ich den Tagesanbruch schon kommen sehe, drehe ich mich um, hebe den Umhang vom Boden auf, lege ihn auf die Schulter und schreite schnell zurück. Beim Gehen fragen mich flüchtige Schatten, ob ich eines Tages wieder zurückkommen werde, um andere Ressentiments zu befreien.

Am Meer sehe ich mehrere Frauen, die weiße Kleider und hohe Fackeln tragen. An der Fähre angekommen, gebe ich den Umhang dem Schiffsführer, der ihn den Frauen weitergibt. Eine von ihnen zündet ihn an. Der Umhang verbrennt schnell, ohne Asche zu hinterlassen. In diesem Augenblick fühle ich eine große Erleichterung, als hätte ich von ganzem Herzen eine große Beleidigung vergeben. (*)

Ich steige auf die Fähre, die nun wie ein modernes Sportboot aussieht. Während wir die Küste verlassen, ohne den Motor anzuwerfen, höre ich den Frauenchor sagen:

“Du hast die Macht, den Schlafenden zu wecken
Durch den Bund von Herz und Verstand
Durch die Befreiung des Geistes von der Leere.
Indem du die Erinnerung
Und den Inneren Blick erhellst.
Geh, glückliche Macht, wahres Gedächtnis,
Auf dass du dem Leben
Wieder den rechten Sinn gibst.”

Der Motor springt an in dem Augenblick, in dem die Sonne über dem Meer aufgeht. Ich schaue auf den jungen Bootsmann, der ein klares Gesicht und markante Züge hat. Er lächelt und führt das Boot schnell aufs Meer hinaus.

Wir nähern uns mit großer Geschwindigkeit der Stadt der Kanäle, wobei unser Boot immer wieder auf die leichten Wellen aufprallt. Die ersten Sonnenstrahlen vergolden die herrlichen Kuppeln der Stadt, um die ein bunter Taubenschwarm flattert.


Empfehlungen

Wurden die Widerstände entsprechend den vorgeschlagenen Bildern überwunden? Besonders zu beachten sind die Empfindungen, die das Brennen des Umhangs begleiten. Sie zeigen am deutlichsten, ob irgendeine Veränderung der negativen Gefühle stattgefunden hat. Falls die Widerstände nicht überwunden wurden, sollte man die Erfahrung nochmals durcharbeiten.


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