Das Festspiel


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Erläuterung

Diese Erfahrung hat das Ziel, durch das Wachrufen ungewohnter Bilder uns neuen Phänomenen der Wahrnehmung anzunähern. Eine solche merkwürdige Art, die Dinge zu sehen, ist von Nutzen, wenn sich die Möglichkeit einer neuen Welt und eines neuen Sinns bietet – auch angesichts alltäglicher Gegenstände. Die „mystisch“ genannte Erfahrungen und die psychodelischen, die auf die jungen Generationen so viel Reiz ausüben, haben die Kraft einer ungewohnten Wahrnehmung der Realität. Dennoch haben sich diese Haltungen in den einen Fällen alle auf den Glauben beschränkt und in den anderen als zerstörerisch durch das künstliche, chemische Produkt erwiesen.


Geleitete Erfahrung

In einem Bett liegend glaube ich, im Zimmer eines Krankenhauses zu sein. Ich höre schwach das Tropfen eines schlecht geschlossenen Wasserhahnes. Ich versuche, meine Glieder und den Kopf zu bewegen, aber sie gehorchen mir nicht. Mit Mühe kann ich die Augenlider offen halten.

Es scheint mir, als habe jemand neben mir gesagt, dass ich glücklicherweise außer Gefahr bin ...  dass jetzt alles eine Frage des Ausruhens ist. Unerklärlicherweise bringen mir diese undeutlichen Worte große Erleichterung. Ich fühle meinen ganzen Körper, schläfrig und schwer, immer lockerer werden.

Die Zimmerdecke ist weiß und glatt, aber jeder Wassertropfen, den ich fallen höre, leuchtet an ihr wie ein Lichtstreifen auf. Ein Tropfen, ein Strich. Dann ein anderer. Danach viele Linien. Noch später Wellenbewegungen. Die Zimmerdecke verändert sich, wobei sie dem Rhythmus meines Herzens folgt. Es kann die Wirkung der Arterien meiner Augen sein, wenn das pulsierende Blut vorbeifließt. Der Rhythmus zeichnet das Gesicht einer jungen Person.

“He, du!”, sagt sie zu mir, “warum kommst du nicht?”.

“Natürlich”, denke ich, “warum nicht?”.

 ... Weiter vorne findet das Musikfestspiel statt. Die Instrumentenklänge überfluten mit Licht einen riesigen Raum, der mit grünem Gras und Blumen bestreut ist.

Ich stütze mich auf der Wiese auf und betrachte den großen Schauplatz. In meiner Nähe gibt es einen enormen Menschenandrang, aber es gefällt mir, zu sehen, dass sie nicht dicht gedrängt sind, denn es gibt viel Raum. Aus der Ferne kann ich verschiedene Familienangehörige und alte Freunde aus der Kindheit sehen. Ich spüre, dass sie sich wirklich wohlfühlen.

Ich richte meine Aufmerksamkeit auf eine Blume, die an einem Zweig durch einen schmalen durchsichtigen Stängel befestigt ist, in dessen Innerem das leuchtende Grün immer dunkler wird. Ich strecke die Hand aus und fahre sanft mit dem Finger über den glatten und frischen Stängel, der von ganz kleinen Wölbungen unterbrochen wird. So durch die smaragdgrünen Blätter fahrend, gelange ich zu den Blütenblättern, die sich in einer bunten Explosion öffnen. Knospen wie Kristallgläser einer feierlichen Kathedrale, Knospen wie Rubine und wie das Glimmen eines Holzscheites im Feuer ...  Und in diesem Tanz von Farbtönen fühle ich, dass die Blume lebt, als sei sie ein Teil meiner selbst. (*)

Und die von meiner Berührung bewegte Blume lässt einen schlaftrunkenen Tautropfen fallen, der gerade noch am letzten Blütenblatt hängengeblieben war. Der Tropfen schwingt sich zu einer Ovalform, wird dann länger, verflacht sich, um sich erneut zu runden, während er unendlich fällt, fällt, fällt, in einen  Raum ohne Grenzen ...  Schließlich trifft er auf einen Pilzhut, rollt wie schweres Quecksilber und gleitet bis an seinen Rand. Dort, in einem Versuch, sich zu befreien, rollt er in eine kleine Pfütze, wo er einen stürmischen Wellengang hervorruft, der eine Insel aus Marmor bespült. (*)

Ich erhebe den Blick und sehe eine goldene Biene, die sich nähert, um an der Blume zu nippen. Ich ziehe meine respektlose Hand von dieser gewaltigen Lebensspirale zurück und entferne sie von dieser blendenden Vollkommenheit.

Meine Hand ...  Ich betrachte sie betroffen, als sähe ich sie zum ersten Mal. Indem ich sie immer wieder drehe, die Finger biegend und streckend, sehe ich die Furchen der Handflächen und ich begreife, dass dort in ihren Linien alle Wege der Welt zusammentreffen. Ich fühle, dass meine Hand und ihre tiefen Linien nicht mir gehören, und ich danke in meinem Inneren für die Enteignung meines Körpers.

Weiter vorne findet das Festspiel statt und ich weiß, dass die Musik mich mit jenem Mädchen verbindet, das seine Kleider betrachtet und mit dem jungen Mann, der, an einen Baum gelehnt, eine blaue Katze streichelt.

Ich weiß, dass ich genau dies schon vorher einmal erlebt habe, und dass ich die raue Gestalt des Baumes gesehen habe, und die unterschiedliche Größe der Körper. Schon ein anderes Mal habe ich die ockerfarbenen Wolken mit ihren weichen Formen bemerkt, aber wie aus ausgeschnittener Pappe im durchsichtigen Blau des Himmels.

Und ich habe dieses zeitlose Gefühl erlebt, in dem meine Augen nicht da zu sein scheinen, weil sie alles mit einer Durchsichtigkeit sehen, als wären es nicht die Augen des täglichen Sehens, die nur die Wirklichkeit trüben. Ich fühle, dass alles lebt und dass alles gut ist, dass die Musik und die Dinge keinen Namen haben, und dass nichts sie wirklich benennen kann. (*)

In den Schmetterlingen aus Samt, die um mich herumfliegen, fühle ich die Wärme der Lippen und die Zerbrechlichkeit der glücklichen Träume.

Die blaue Katze begibt sich in meine Nähe. Mir wird etwas Augenfälliges bewusst: Sie bewegt sich von alleine, ohne Kabel, ohne Steuerung. Sie macht es von sich allein aus, und dies macht mich sprachlos. Ich weiß, in ihren vollkommenen Bewegungen und hinter ihren schönen gelben Augen gibt es Leben, und alles Übrige ist Maske: wie die Rinde des Baumes, wie die Schmetterlinge, wie die Blume, wie der Tropfen aus Quecksilber, wie die ausgeschnittenen Wolken, wie die Hand der zusammenlaufenden Linien. Einen Moment lang scheint es mir, als kommuniziere ich mit etwas Universalem. (*)

 ... Eine sanfte Stimme unterbricht mich, bevor ich zu dieser Dimension gelange.

“Glauben Sie, dass die Dinge so sind?”, flüstert mir der Unbekannte zu. “Ich werde Ihnen sagen, dass sie weder derart noch von anderer Art sind. Sie werden bald wieder zu Ihrer grauen Welt zurückkehren, ohne Tiefe, ohne Freude, ohne Inhalt. Und Sie werden glauben, dass sie die Freiheit verloren haben. Jetzt verstehen Sie mich nicht, weil Sie nicht fähig sind, nach Ihrem Willen zu denken, da Ihr scheinbarer Freiheitszustand nur ein Produkt der Chemie ist. Dies passiert Tausenden von Personen, denen ich jedes Mal einen Rat gebe. Guten Tag”.

Der liebenswerte Herr ist verschwunden. Die ganze Landschaft beginnt, sich in einer klaren, grauen Spirale zu drehen, bis die gewellte Zimmerdecke erscheint. Ich höre das Tropfen des Wasserhahnes. Ich weiß, dass ich in einem Zimmer liege. Ich fühle, wie sich die Benommenheit der Sinne auflöst. Ich versuche, den Kopf zu bewegen und er gehorcht. Dann die Glieder. Ich strecke mich und begreife, dass es mir ausgezeichnet geht. Ich springe aus dem Bett und fühle mich dabei gestärkt, als hätte ich mich jahrelang ausgeruht.

Ich gehe bis zur Tür des Zimmers. Ich öffne sie und finde einen Flur. Ich beginne, schnell zu gehen in Richtung des Ausgangs des Gebäudes. Ich erreiche ihn. Ich sehe eine große, offene Tür, durch die viele Menschen in beiden Richtungen gehen. Ich gehe einige Stufen hinunter und gelange zur Strasse.

Es ist früh. Ich sehe auf einer Wanduhr, wie spät es ist und verstehe, dass ich mich beeilen muss. Eine erschrockene Katze schlängelt sich durch die Fußgänger und Fahrzeuge. Ich sehe sie laufen, und ohne zu wissen warum, sage ich zu mir selbst: “Es gibt eine andere Realität, die meine Augen nicht alle Tage sehen”.


Empfehlungen

Man soll in den der Erfahrung folgenden Tagen eine neue und begeisterte Sehensweise bezüglich der alltäglichen Dinge und der Personen versuchen. Hier muss eine Empfehlung ausgesprochen werden: Es ist nicht beabsichtigt, sich eine neue Form der Wahrnehmung anzueignen.
Eine einzige Erfahrung dieser Art reicht aus. Ihre dauernde Ausübung ist jedoch für das tägliche Leben nicht nützlich, da sie zur inaktiven Kontemplation verleitet, die zur geistigen Eingeengtheit führt. Hoffentlich hilft diese Erfahrung, dass man versteht, das hinter dem Altbekannten und Gewohnten eine Dimension des Geistes existiert, die voll Hoffnung ist.


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