Die Religion


Wann immer die Rede war von den Städten der Götter, zu denen zahlreiche Helden verschiedenster Völker gelangen wollten, wann immer die Rede war von Paradiesen, in denen Götter und Menschen in ihrer ursprünglichen, verklärten Natur zusammenlebten, wann immer die Rede war von Stürzen und Sintfluten, wurde eine grosse innere Wahrheit ausgesprochen.

Später brachten uns die Erlöser das Wort und kamen zu uns in ihrer Doppelnatur, um die verlorene und lang ersehnte Einheit wieder herzustellen. Auch da wurde eine grosse innere Wahrheit ausgesprochen.

Wenn all dies jedoch als etwas vermittelt wurde, das sich ausserhalb des Geistes abspielte, so wurden Irrtümer oder Lügen verbreitet.

Wird umgekehrt die äussere Welt mit dem inneren Blick verwechselt, zwingt sie diesen, neue Wege zu beschreiten.

So fliegt der Held dieses Zeitalters heute zu den Sternen.

Er fliegt durch Gegenden, die vorher unbekannt waren.

Er fliegt aus seiner Welt hinaus und, ohne es zu wissen, wird er bis zum inneren und leuchtenden Zentrum angetrieben.

Auszug aus dem Buch “Der innere Blick”, Silo

1) Aus dem Kapitel XII, “Die Religion”, aus “Die menschliche Landschaft”

3. Über Gott kann man nichts sagen. Man kann lediglich darüber etwas sagen, was über Gott gesagt wurde. Es wurden schon viele Dinge über ihn gesagt und über das Gesagte kann wiederum viel gesagt werden, ohne dass wir damit auch nur einen Schritt weiter bezüglich des Themas Gott kommen, sofern es Gott selbst betrifft.

4. Unabhängig von diesen Zungenbrechern können die Religionen von tiefer Bedeutung sein, aber nur, sofern sie versuchen, Gott zu zeigen und nicht über ihn etwas zu sagen.

5. Aber die Religionen zeigen das, was in ihren jeweiligen Landschaften vorhanden ist. Deshalb ist eine Religion weder wahr noch falsch, da ihr Wert ja kein logischer ist. Ihr Wert wurzelt in der Art von innerer Empfindung, die sie hervorruft, in der Übereinstimmung der Landschaften bezüglich dessen, was zu zeigen versucht wird und was tatsächlich gezeigt wird.

6. Die religiöse Literatur ist für gewöhnlich an äußere und menschliche Landschaften gebunden, die auch die Eigenschaften und Merkmale ihrer Götter prägen. Doch auch wenn sich die äußeren und menschlichen Landschaften verändern, kann die religiöse Literatur in andere Epochen vorstoßen. Das ist nicht verwunderlich, da auch andere (nicht-religiöse) Arten von Literatur in voneinander weit entfernten Epochen mit Interesse und lebendigem Gefühl aufgenommen werden können. Ebenso wenig sagt das Fortdauern eines Kultes über den Lauf der Zeit etwas über seinen «Wahrheitsgehalt» aus, da rechtliche Formalitäten und gesellschaftliche Zeremonien von Kultur zu Kultur weitergegeben und weiter befolgt werden, auch wenn man ihre ursprüngliche Bedeutung nicht mehr kennt.

7. Die Religionen brechen in eine menschliche Landschaft und in eine geschichtliche Epoche ein. Man spricht dann davon, dass Gott sich dem Menschen «offenbart». Aber etwas muss in der inneren Landschaft des Menschen geschehen sein, damit in diesem geschichtlichen Moment eben diese Offenbarung aufgenommen wird. Dieser Wandel wurde im allgemeinen von «außerhalb» des Menschen aus interpretiert, indem man den Wandel in der äußeren oder gesellschaftlichen Welt ansiedelte. Das stellte sich bezüglich einiger Aspekte als Gewinn heraus, doch man verlor auch an Verständnis des religiösen Phänomens als innere Empfindung.

8. Aber auch die Religionen selbst haben sich als Äußerlichkeit vorgestellt und so den Boden für die vorher erwähnten Interpretationen bereitet.

9. Wenn ich von «äußerer Religion» spreche, dann beziehe ich mich nicht auf die psychischen Bilder, die in Form von Ikonen, Gemälden, Statuen, Bauwerken und Reliquien (welche die visuelle Wahrnehmung ansprechen) nach außen übertragen wurden. Ich meine auch nicht deren Übertragung auf Gesänge und Gebete (welche den Gehörsinn ansprechen) oder auf Gesten, Haltungen und Ausrichtungen des Körpers in bestimmte Richtungen (welche die kinästhetische und synästhetische Wahrnehmung ansprechen). Und schließlich sage ich auch nicht, dass eine Religion wegen ihrer heiligen Schriften, Sakramente usw. äußerlich ist. Ich bezeichne eine Religion nicht einmal deshalb als äußerlich, weil sie ihrer Liturgie eine Kirche, eine Organisation, kultische Feiertage usw. hinzufügt oder auch eine bestimmte körperliche Verfassung oder ein bestimmtes Alter ihrer Gläubigen fordert, um bestimmte Vorgänge ausführen zu können. Nein, diese Art, wie die Anhänger der einen oder anderen Religion weltlich gegeneinander kämpfen, indem sie sich – je nach dem bevorzugten Bild, mit welchem die einen oder die anderen arbeiten – gegenseitig verschiedene Tiefen von Gottesverehrung unterstellen, berührt den Kernpunkt der ganzen Angelegenheit nicht. Sie zeigt lediglich die völlige psychologische Unwissenheit der Streitenden.

10. Mit «äußerer Religion» bezeichne ich jede Religion, die den Anspruch erhebt, über Gott und den Willen Gottes etwas zu sagen, anstelle etwas über das Religiöse und über das innerste Empfinden des Menschen zu sagen. Selbst die Verwendung eines veräußerlichten Kultes wäre sinnvoll, wenn die Gläubigen durch diese Praktiken die Anwesenheit Gottes in sich selbst wecken (zeigen) würden.

11. Aber die Tatsache, dass die Religionen bis heute äußerlich waren, entspricht der menschlichen Landschaft, in welcher sie entstanden und sich entwickelten. Die Geburt einer inneren Religion oder die Verwandlung der Religionen (falls sie überleben sollten) in eine innere Religiosität ist möglich. Doch das wird nur in dem Maße geschehen, wie die innere Landschaft die Voraussetzungen erfüllt, um eine neue Offenbarung aufzunehmen. Dies wiederum beginnt sich in denjenigen Gesellschaften abzuzeichnen, in welchen die menschliche Landschaft derart ernsthafte Wandlungen erfährt, dass das Bedürfnis nach inneren Bezugspunkten immer dringlicher wird.

12. Nichts von dem, was über die Religionen gesagt wurde, kann heute aufrechterhalten werden, da diejenigen, welche Verteidigungsreden hielten oder Verleumdungen in die Welt setzten, die innere Veränderung im Menschen bereits seit langem nicht mehr wahrnehmen. Wenn sich einige die Religionen als einschläfernd für die soziale und politische Aktivität vorgestellt haben, so treffen sie heute auf ihre mächtigen Impulse eben gerade in diesen Bereichen. Wenn andere sie sich vorgestellt haben, wie sie ihre Botschaft aufgezwungen haben, so stellen sie fest, dass sich ihre Botschaft verändert hat. Diejenigen, die glaubten, dass sie für immer bestehen würden, zweifeln heute an ihrer “Ewigkeit”, und diejenigen, die von ihrem baldigen Verschwinden ausgegangen sind, wohnen heute überrascht dem Einbruch von offensichtlich oder verdeckt mystischen Formen bei.

13. In diesem Bereich gibt es sehr wenige, die erahnen, was die Zukunft bringen wird. Denn selten sind diejenigen, die sich der Aufgabe widmen, zu verstehen, in welche Richtung die menschliche Intentionalität voranschreitet, die letztendlich das menschliche Individuum transzendiert. Wenn der Mensch möchte, dass sich etwas Neues «zeigt», dann deshalb, weil es bereits in seiner inneren Landschaft wirkt und danach strebt, «sich zu zeigen». Aber der Anspruch, Vertreter eines Gottes zu sein, führt keineswegs dazu, dass sich die innere Empfindung des Menschen in eine Wohnstätte oder eine Landschaft eines transzendenten Blickes (einer transzendenten Absicht) verwandelt.


2) Aus “Die Religiösität in der heutigen Welt”, 06. Juni 1986

“...ich meine:

1. Dass sich in den letzten Jahrzehnten eine neue Art von Religiosität zu entwickeln begonnen hat.

2. Dass diese Religiosität den Hintergrund einer diffusen Rebellionhat.

3. Dass als Folge des Auftretens dieser neuen Religiosität und natürlich als Folge der atemberaubenden Veränderungen, die in den Gesellschaften stattfinden, die traditionellen Religionen in ihrem Schoß möglicherweise Neuanpassungen und Umgestaltungen von grundlegender Bedeutung erfahren.

4. Dass es höchst wahrscheinlich ist, dass die Bevölkerung auf dem ganzen Planeten psychosoziale Erschütterungen erfahren wird, wobei die neue Art der erwähnten Religiosität eine wichtige Rolle spielen wird.

Andererseits glaube ich nicht, dass die Religionen an Dynamik verloren haben, auch wenn das den allgemeinen Meinungen der Beobachter der gesellschaftlichen Vorgänge entgegengesetzt zu sein scheint. Ich glaube nicht, dass sie sich immer mehr von der politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Entscheidungsmacht entfernen, und ich glaube auch nicht, dass das religiöse Gefühl aufgehört hat, das Bewusstsein der Völker zu bewegen…”

“...Uns scheint es eindeutig, dass die Religiosität auf dem Vormarsch ist. Hier, in den USA, in Japan, in der arabischen Welt und in den sozialistischen Ländern: Mag es sich um Kuba, Afghanistan, Polen oder die Sowjetunion handeln. Unser Zweifel ist vielmehr, ob die offiziellen Religionen dieses psychosoziale Phänomen der neuen städtischen Landschaft werden anpassen können oder ob sie total überfordert sein werden. Es könnte sein, dass eine diffuse Religiosität in kleinen und chaotischen Gruppierungen wächst, ohne eine formelle Kirche zu bilden, so dass es nicht leicht wäre, das Phänomen in seinem wirklichen Ausmaß zu begreifen. Auch wenn der Vergleich nicht ganz berechtigt sein mag, möchte ich an einen weit zurückliegenden Präzedenzfall erinnern: Während die offizielle Religion an Überzeugungskraft verlor, gelangten alle möglichen Kulte und Aberglauben aus der Umgebung in das kaiserliche Rom. Eine dieser unbedeutenden Gruppen wurde später zu einer universellen Kirche ... Heute ist klar, dass diese diffuse Religiosität – um voranzukommen – die Landschaft und die Sprache unserer Zeit (einer Sprache der Programmierung, der Technologie, der Weltraumflüge) mit einem neuen sozialen Evangelium verbinden muss.”


3) “Das Thema Gott”, 29. Oktober 1995.

“...Falls Gott nicht gestorben ist, dann haben die Religionen Verantwortungen bezüglich der Menschheit zu übernehmen. Heute haben sie die Pflicht, eine neue psychosoziale Atmosphäre zu erzeugen, sich mit einer lehrenden Haltung an ihre Gläubigen zu wenden und alle Überbleibsel von Fanatismus und Fundamentalismus auszumerzen. Sie können gegenüber dem Hunger, der Unwissenheit, der Unaufrichtigkeit und der Gewalt nicht gleichgültig bleiben. Sie sollten einen starken Beitrag zur Toleranz leisten und den Dialog mit anderen Konfessionen und mit jedem Menschen, der sich für das Schicksal der Menschheit verantwortlich fühlt, anstreben. Sie sollten – und ich hoffe, dies wird nicht als eine Überheblichkeit aufgefasst – sich gegenüber den Manifestationen von Gott in den verschiedenen Kulturen öffnen. Wir erwarten von ihnen zu einem Zeitpunkt, der schon schwierig genug ist, diesen Beitrag zur gemeinsamen Sache.

Falls Gott aber im Herzen der Religionen tot ist, dann können wir sicher sein, dass er in einer neuen Stätte wieder aufleben wird, so wie es uns die Entstehungsgeschichte jeder Zivilisation lehrt. Und diese neue Stätte wird im Herzen des Menschen sein, weit entfernt von jeglichen Institutionen und von jeglicher Macht.”


Bibliographie:
Das Buch "Die Erde menschlich machen" - Die menschliche Landschaft
Das Buch "Silo spricht" - Konferenzen - "Die Religiosität in der heutigen Welt" und "Das Thema Gott"
Video: Silo, Sammlung von Konferenzen -  "Die Religiosität in der heutigen Welt" und "Das Thema Gott"

download: Die Religion.pdf






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